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[€ 11.00]  ISBN 978-3-943297-35-5


Leseprobe aus Heft 3/2017

Hartlaub, Felix

"In Neapel war ich sehr von der eigentlichen Ohnmacht der Kunst vor dem Leben überzeugt". Briefe an die Familie aus Italien 1933


Vorbemerkung

Italien: Sehnsuchtsland der Deutschen. Nicht nur Touristen zieht es gen Süden, auch Schriftsteller konnten und können sich der Faszination des Landes nicht entziehen, wie sich an alpenähnlich hohen Bücherbergen zeigt. Während Goethe in Italiens Kunst und Landschaft noch Arkadien zu finden meinte, blickte mancher seiner Zeitgenossen schon kritisch auf das Land, wo die Zitronen blühn – zum Beispiel Johann Gottfried Seume, der auf seinem fast einjährigen »Spaziergang« durch Italien gerade auch dessen Schattenseiten beschreibt. Später setzte tatsächlich eine Art Italienverweigerung ein. Die Kritik entzündete sich unter anderem am Massentourismus, der das Land verschlossen habe, statt es zu erschließen – glaubte jedenfalls Rudolf Borchardt. Wolfgang Koeppen schließlich konstatierte, Italien beziehungsweise Rom als Projektionsflächen hinterfragend: »Die Tradition, die Kultur hat sich in einen endgültig leeren Haufen Ruinen verwandelt, die niemanden mehr erschüttern.«

Warum sich also den Zeugnissen eines weiteren Vertreters dieser reisenden Literaten zuwenden, den, in Anbetracht seines schmalen OEuvres, erstaunlich zahlreichen Texten mit Italienbezug von Felix Hartlaub? Außer seiner einzigen vollendeten Novelle »Parthenope oder Das Abenteuer in Neapel« (die in der Zeit spielt, in der Seume seine Reise antrat, und in der Hartlaub sich ebenfalls der sozialen Verhältnisse des Landes annimmt) und dem posthum unter dem Titel »Italienische Reise« edierten Bericht von 1931 existieren vor allem substantielle Briefe, die der Student aus Italien an seine Familie schrieb und denen er selbst offenbar literarische Qualität zusprach.

Daß Felix Hartlaub Schriftsteller werden wollte und Italien als wichtige Bildungsetappe ansah, genügt nur bedingt, um ein tiefergehendes Interesse an jenen Briefen zu begründen, die der 1913 Geborene ins heimische Mannheim sandte. Zwar sieht man in diesem Briefwerk durchaus einen Schriftsteller am Werk, der die früh entdeckte eidetische Begabung, Wahrnehmungen fast überscharf wiederzugeben, an unvertrauten Landschaften und Städten erprobte – die Lust an der Ausbildung eines ganz eigenen Stils ist in jedem Brief spürbar. Doch die eigentliche Bedeutung der umfangreichen Nachrichten aus Italien ist eine andere.

Noch vor dem Abitur war es zu einer ungewöhnlichen Begegnung mit dem Land gekommen. Die Odenwaldschule hatte in dem nicht nur für sie finanziell schwierigen Jahr 1931 das Projekt des Lehrers Werner Meyer genehmigt, mit einem guten Dutzend Zöglingen in Italien zu wandern – und zwar nicht etwa in der lieblichen Landschaft um die oberitalienischen Seen, die man natürlich auch nicht ausließ, sondern in den touristisch noch kaum erschlossenen Cinque Terre, jenen nur vom Wasser oder eben zu Fuß zugänglichen fünf Städtchen an der Steilküste südlich von Genua. Hartlaub führte ein Skizzenbuch mit sich, in dem er immer wieder zeichnete, vor allem aber das Gesehene mit Worten festhielt. Dieses frühe Wandertagebuch, das wir 2013 in der Bibliothek Suhrkamp veröffentlicht haben, enthält neben einigen Kuriosa, etwa der Reaktion der Italiener auf das gemeinsame Campieren der männlichen und weiblichen Odenwald-Sprößlinge im Schatten des Schiefen Turms von Pisa, deutliche Hinweise darauf, daß Hartlaub sich hier an Schreibverfahren wagte, die seine zeichnerische Begabung gleichsam in einem anderen Medium fortsetzten. Nicht die Briefe aus Florenz und anderen Orten der Toskana waren das wichtigste Medium zur Erprobung seines Stils, sondern das tagebuchartige Skizzenbuch. Zudem bestritt die Odenwaldschule eine Ausgabe ihrer Schülerzeitung »Neuer Waldkauz« weitgehend mit Berichten von dieser sogenannten Homerwanderung: Hartlaubs Notate stechen vom Geschreibsel der übrigen Schüler deutlich ab. Zwei Jahre später, als er unter ganz anderen Bedingungen nach Italien zurückkehrte und auch viel länger blieb, wurden die Briefe zum Experimentierfeld, in dem etliches erprobt, wieder aufgegriffen und variiert werden konnte.

Doch warum zog es Hartlaub abermals in den Süden? Da war zunächst der Wunsch des Abiturienten und seines Vaters, die Grundlage für eine Karriere als Romanist zu schaffen. Hartlaub hatte unmittelbar nach dem Abitur zu studieren begonnen, sich von dem eher kaufmännisch orientierten Mannheimer Lehrbetrieb aber bald wieder abgewandt. Nun strebte er eine akademische Laufbahn an, etwa als Lehrer für Romanistik und Geschichte. 1933 war es allerdings keine leichte Entscheidung, in den Staatsdienst einzutreten – vor allem, wenn man die Moderne, die französische Literatur und die italienische Landschaft so sehr liebte wie Hartlaub. Noch dazu war Italien seit 1922 ein faschistisches Land, wo man mit dem, was Deutschland bevorstand, bereits konfrontiert wurde. Möglich, daß Hartlaub deshalb die Hauptstadt mied und lieber nach Neapel ging. Natürlich war auch Neapel keine Exklave, in der man vom Faschismus unbehelligt blieb. Wie die Briefe zeigen, war die dortige Archäologie – eine Modewissenschaft des Faschismus, wie Hartlaub feststellte – von Parteigrößen infiltriert. Dennoch bot das Institut Andersdenkenden Unterschlupf und Freiräume für Gespräche. Zudem war Neapel die Stadt des verfemten Benedetto Croce, in dessen unmittelbarer Nähe Hartlaub sein Quartier aufschlug – dank der Kontakte seines Vaters zu Hilda Ferraro, einer gebürtigen Österreicherin und entfernten Verwandten von Gustav Hartlaubs Mutter. Auch zog die Stadt viele Denker an, die man später der Kritischen Theorie zurechnete und von denen einige, wie Theodor W. Adorno, mit den Hartlaubs in Kontakt kamen. Sie alle beschrieben Neapel als Stadt des Porösen, Durchlässigen, Hybriden.

Von hier aus erlebte der neunzehnjährige Hartlaub, der kurz zuvor seine Mutter verloren hatte, eine weitere Familienkatastrophe mit: die Entlassung des Vaters aus dem Amt des Direktors der Kunsthalle Mannheim und seine Verleumdung als Kulturbolschewist. Gustav Friedrich Hartlaub hatte sich den Ruf eines bedeutenden Förderers moderner Kunst erworben. Ausgebildet bei Gustav Pauli in Bremen, dann unter Fritz Wichert in Mannheim tätig, hatte er eine Fülle überregional beachteter Kunstausstellungen initiiert und kuratiert. Diese erregten nicht nur das Mißtrauen der Berliner Behörden, sondern weckten auch die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen, darunter Walter Benjamin, der Hartlaubs auf seiner wohl berühmtesten Ausstellung beruhendes Buch »Der Genius im Kinde« begeistert rezensierte. Bereits in der Endphase der Weimarer Republik war es zu Kulturkämpfen zwischen Rechten und Linksbürgerlichen wie Hartlaub senior gekommen, die ahnen ließen, was nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten folgen sollte. In Mannheim erfolgte gleichsam der Probelauf für die 1937 zuerst in München gezeigte Propagandaausstellung »Entartete Kunst«. Der Direktor der Kunsthalle wurde mit Gefängnis bedroht und seine jüngst angekauften Werke – insbesondere Marc Chagalls »Rabbiner« – an den Pranger gestellt.

Darüber hinaus hatte Felix Hartlaub allen Grund, sich aus der Ferne auch um die eben erst »neugestaltete« Familie, wie er mit einer eigentümlichen Wendung sagt, Sorgen zu machen. Der Vater hatte unmittelbar nach der einjährigen Trauerzeit die Bankierstochter und Kunsthallenpraktikantin Erika Schellenberg geheiratet, die Schwester Geno weilte noch auf der nun als Kommunistenschule verunglimpften Odenwaldschule und versuchte vergeblich, ihre Zulassung zum Studium zu erwirken, und auch die Zukunft des kleinen Michael war ungewiß. Dies wie auch die bange Frage, was aus der Rente des auf Grundlage des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« entlassenen fünfzigjährigen Vaters werden und wie es überhaupt finanziell weitergehen würde, klingt in vielen Passagen der Briefe an. Zu große Deutlichkeit mußte Felix Hartlaub aus politischen Gründen vermeiden, aber er meinte wohl auch, als ältester Sohn den Vater eher aufmuntern als belasten zu sollen. Die Eindringlichkeit, mit der Hartlaub Neapel beobachtet und beschreibt, entsteht sicher auch aus dem Wunsch, das frühere Sehnsuchtsland des Vaters, über dessen Kunst dieser promoviert wurde und das er oft bereist hatte, auf trostspendende Weise zu vergegenwärtigen.

Im Chaos der Jahre 1933/34 konnte Italien sogar als möglicher Exilort ins Auge gefaßt werden, wenn man die Ballungszentren der Macht mied oder »poröse« Orte wie Neapel und Perugia aussuchte. Zwar war das Land faschistisch, doch gab es, wie Klaus Voigt in seiner grundlegenden Studie »Zuflucht auf Widerruf« gezeigt hat, Inseln, auf die sich zumindest eine kleine Zahl »Schiffbrüchiger« retten konnte, deren Namen nicht ganz oben auf den schwarzen Listen standen. Daß Felix Hartlaub und vor allem seinem Vater das bewußt war, belegt eine Reihe von Formulierungen in den Briefen. Offenbar überlegte die Familie, den Sohn auf Dauer oder zumindest auf unbestimmte Zeit in Italien zu belassen. Da kein Geld mehr vorhanden war, hätte ein solches Exil auf Probe aber mit Erwerbsmöglichkeiten verbunden sein müssen. Doch Hartlaub entschied sich, fast gegen den Willen seiner Familie und vielleicht aufgrund seiner schärferen Wahrnehmung der politischen Situation, zur Rückkehr; nicht weil er sich einfügen wollte, sondern weil er wohl nur in Deutschland jenen Beobachtungsposten vermutete, auf dem er zum Historiker seiner Zeit werden konnte: als Schriftsteller, der in seinen Aufzeichnungen Erfahrungen eines Lebens bewahrt, das sich täglich radikal änderte. Ein gesellschaftlicher Umbruch, wie er in der Geschichte nur selten vorkommt.

Nikola Herweg und Harald Tausch

 

SINN UND FORM 3/2017, S.293-317, hier S. 293-295