[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-88-1
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Leseprobe aus Heft 2/2026
Buch, Hans Christoph
Wie ein Fuchs im Pelzladen. Begegnungen mit Viktor Schklowski
1 – Ein Höhepunkt meines damals noch jungen Lebens war der Auftritt von Viktor Schklowski, Gründer des OPOJAZ (Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache) und Vordenker der Futuristen und Formalisten, im April 1970 in der Majakowski-Galerie am Kurfürstendamm. Schklowski war mit Majakowski befreundet, ebenso wie mit Gorki, der ihn unter seine Fittiche nahm, aber auch mit Alexander Blok, Sergej Jessenin, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Isaak Babel, Jewgeni Samjatin, Welimir Chlebnikow, Wsewolod Meyerhold und Sergej Eisenstein, für den er Untertitel und Filmscripts verfaßte. Schon in jungen Jahren publizierte er die »Theorie der Prosa«, eine Kampfansage an die akademische Literaturwissenschaft, in der es heißt: »Um für uns die Wahrnehmung des Lebens wiederherzustellen, die Dinge fühlbar, den Stein steinig zu machen, gibt es das, was wir Kunst nennen. Ziel der Kunst ist (…) ein Empfinden, das Sehen und nicht nur Wiedererkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: die Verfremdung der Dinge und die Komplizierung der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern.«
Lenin und Trotzki hielten nicht viel von Avantgarde-Kunst und von einer Literatur, die sich lange vor der russischen Revolution aus überlebten Konventionen befreit und Grenzen niedergerissen hatte, wie dies auch in Westeuropa und Nordamerika beim Durchbruch der Moderne geschah: die Barriere zwischen Bühne und Publikum zum Beispiel oder die Grenze zwischen Literaturproduktion und Rezeption, Literaturkritik und Literaturwissenschaft, die sich für Nachbardisziplinen wie Linguistik und Ethnologie öffneten. Im Interregnum zwischen Lenins Tod und Stalins Machtergreifung gab es einen Pluralismus revolutionärer Stile und Ismen, die in offenem Meinungsstreit konkurrierten, bis das Dogma des sozialistischen Realismus die unfriedliche Koexistenz beendete.
2 – 1922 entzog Viktor Schklowski sich dem Zugriff der Sowjetjustiz, um nicht im Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre Partei (SR) aussagen zu müssen, die den Zaren gestürzt und Lenin zu töten versucht hatte – die Urheberin des Attentats, Fanny Kaplan, wurde im Alexandergarten neben dem Kreml erschossen. Er floh übers gefrorene Meer nach Finnland und von dort weiter nach Berlin, einer Hochburg russischer Emigranten, wo er Maxim Gorki, Andrej Bely, Ilja Ehrenburg und andere Gleichgesinnte wiedertraf. Hier entstand sein Elsa Triolet, der späteren Frau von Louis Aragon, gewidmetes Buch »Zoo oder Briefe nicht über die Liebe«, das mit einem Brief ans Zentrale Exekutivkomitee der UdSSR endet: »Ich kann in Berlin nicht leben. Meine ganze Lebensform, alle meine Angewohnheiten verbinden mich mit dem heutigen Rußland. (…) Die Revolution hat mich verwandelt. Ohne sie kann ich nicht atmen. (…) Ich erhebe die Hände und ergebe mich. Laßt mich nach Rußland heim, mich und mein bescheidenes Gepäck: Sechs Hemden (drei zu Hause, drei in der Wäsche), ein Paar gelbe Stiefel (…), eine alte blaue Hose, in die ich vergeblich Falten zu bügeln versuche.«
Gorki und Majakowski bürgten für ihn, und ein Jahr später kehrte Viktor Schklowski nach Rußland zurück.
3 – Jetzt aber, im April 1970, sitzt er leibhaftig auf dem Podium der Majakowski-Galerie in Charlottenburg, Zeitzeuge und zentraler Akteur einer Kulturrevolution, die nur partiell mit der Oktoberrevolution konform war, durch Hitlers Holocaust und Stalins Terror von Vergessen und Vernichtung bedroht – buchstäblich, nicht nur im übertragenen Sinn. Daß Viktor Schklowski jüdischer Herkunft war, wußte ich damals noch nicht. Mit seiner spiegelblanken Glatze wirkte er eher wie ein Kosaken-Hetman oder so, wie John Reed Mexikos Rebellenführer Pancho Villa geschildert hat – ein Zentaur mit blitzenden Augen, der druckreife Aphorismen von sich gibt: »Kunst ist der Ofen, der das Holz umformt; Lenin war eine rotierende Kugel, die ständig Reden hielt; Stalin war ein kaukasischer Adler, der seine Jungen aus dem Nest wirft.«
Ich war Slawistik-Student und sprach rudimentär Russisch, aber ich verstand nicht, was Schklowski mit dem Satz »U vas neprijatnaja stena!« meinte. Als mir einfiel, daß Wand und Mauer im Russischen Synonyme sind, bugsierte ich ihn zu meinem VW und wir fuhren, die Bewacher austricksend, zum Brandenburger Tor, wo Schklowski den Ausguck erklomm und mit Tränen, die der Wind ihm in die Augen trieb, sagte: »Das ist nicht das, wofür mein Sohn im Kampf um Berlin gefallen ist!« Ein historischer Ausspruch wie Kennedys »Ich bin ein Berliner« oder Reagans »Mr. Gorbatchev, tear down this wall!«
4 – Das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich wußte zwar, daß Schklowski sich in einem Text mit dem sprechenden Titel »Denkmal für einen wissenschaftlichen Irrtum« vom Formalismus distanziert hatte, aber nicht, welch hohen Preis er für sein physisches Überleben bezahlte. Auffällig war nur die wie ein Mantra wiederholte Behauptung, er verstehe nichts von Politik, die auf das Gegenteil schließen ließ.
Viktor Schklowski war ein gebranntes Kind im doppelten Sinn: durch die Nähe zur Sozialrevolutionären Partei – unter Stalin eine Todsünde – und durch die Infragestellung des Marxismus im Namen der Literatur, deren relative Autonomie die Formalisten betonten. Der Augenblick der Wahrheit kam 1933, als 120 namhafte Schriftsteller, unter ihnen Schklowski, auf dem Dampfer »Belomor« den Eismeer-Ostsee-Kanal einweihten, den Gulag-Häftlinge, durch Hunger und Kälte dezimiert, in den felsigen Boden gerammt hatten. An Bord gab es all das, was die Führung dem Volk vorenthielt: Champagner und Cognac, Wodka und Kaviar, Kaffee und Kuchen, doch Schklowski hatte keinen Appetit: Er dachte an die Hungersnot in der Ukraine, wo durch Zwangsrequirierung von Getreide Millionen Menschen ums Leben kamen, was Stalin mit dem Slogan »schwindlig vor Erfolgen« feierte. Und er dachte an seinen Bruder Wladimir, der, zu Lagerhaft und Verbannung verurteilt, zum Kanalbau abkommandiert worden war – Umerziehung durch Arbeit hieß das. Durch Vermittlung des aus dem Exil zurückgekehrten Maxim Gorki bekam Schklowski vom damaligen GPU-Chef Jagoda die Erlaubnis, seinen Bruder zu sehen. Was dann passierte, übertrifft, wie so oft, die wildeste Phantasie: Wladimir weigerte sich, seinen Bruder Viktor zu umarmen, und nahm, um ihn nicht zu kompromittieren, die mit Geld gefüllte Packung Zigaretten nicht an, die der ihm in die Hand drückte. Die Gegenüberstellung verlief wortlos – beiden standen Tränen in den Augen. Auf die Frage des Lagerkommandanten, wie er sich fühle, soll Viktor Schklowski geantwortet haben: »Wie ein lebender Fuchs im Pelzladen.« Wladimir wurde vorübergehend entlassen, im Zuge der Säuberungen aber erneut verhaftet und erschossen, ebenso wie der Lagerkommandant Firin und GPU-Chef Jagoda, der als angeblicher Nazi-Agent im Keller der Lubjanka exekutiert wurde. Das Buch über den Bau des Eismeer-Kanals, in dem Schklowski, das Soll übererfüllend, mit mehreren Beiträgen vertreten war, wurde bald nach Erscheinen eingestampft, weil es zu viele Namen in Ungnade Gefallener enthielt; und Jagodas überdimensionales Porträt wurde vom Monument des Kanalbaus entfernt. Die zur Einweihung produzierte Zigarettenmarke Belomorkanal existiert heute noch und nur die wenigsten wissen, daß die Papirossy, die Schklowski seinem Bruder zuzustecken versuchte, ein Nebenprodukt des GULAG waren.
5 – So etwa, mit besseren Worten nur, hat Viktor Schklowski mir die Geschichte erzählt, als ich ihn im Frühjahr 1971 in Moskau besuchte, wo der weltberühmte Autor mit seiner Frau ein winziges Einzimmer-Appartement im Haus der Übersetzer an der Metrostation Aeroport bewohnte. Auf Geheiß von Leonid Breschnew wurde Stalin rehabilitiert, und als Serena Vitale, eine italienische Slawistin, Viktor Schklowski mit Genehmigung des Schriftstellerverbands im Winter 1978/79 interviewte, schlugen KGB-Leute sie bei minus 29 Grad auf der Straße krankenhausreif. Soviel zum Nachleben der totalitären Diktatur.
SINN UND FORM, Heft 2/2026, S.277-279