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Heftarchiv – Leseproben

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[€ 14,00]  ISBN 978-3-943297-89-8
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Leseprobe aus Heft 3/2026

Krauß, Angela

Regulation


Die Vorstellung, was das Leben ist, gar das eigene, zählt zu jenen Trugbildern, die der Mensch sicherheitshalber mit sich führt, ohne sie konkretisieren zu müssen.

Er weiß, daß er daran scheitern würde.

Die Vorstellung vom eigenen Leben gleicht einem beweglichen Gebilde, in dem wir selbst in einem artistischen Modus zu Hause sind. Ein Mobile. Ohne Stillstand.

Es kann allerdings vorkommen – sehr selten –, daß der Artist kurz heraustritt aus seinem Lebenskunstakt und diesen und sich selbst von außerhalb erblickt.

Ich erhielt einen Anruf aus der Redaktion der Zeitschrift Sinn und Form. Die Redakteurin, namentlich der Frühling des Südens, lud mich zur Jubiläumsveranstaltung anläßlich des fünfundsiebzigjährigen Bestehens dieses legendären Blatts ein, als Grund nannte sie meine erste Publikation daselbst.

Ich: Wann soll das gewesen sein?

Sie: In Heft 4/1986.

Ich: Sind Sie sicher?

Sie: Wir haben den Beweis.

Ich: Worum handelt es sich bitte?

Sie: Um eine Erzählung.

Ich: Wie ist denn der Titel?

Sie: Dysregulation.

Ich: Nie gehört.

Nach zwei Tagen kam sorgsam eingepackt ein verblichenes Heft. Vier Mark der DDR. Die Redaktion bat per Mail um Verständnis: Damals sei die Papierqualität in der DDR auf dem Tiefpunkt gewesen. Ich nahm es liebevoll in die Hand. Der Duft des minderen und in vierzig Jahren noch schütterer gewordenen Papiers umfing mich. Dann legte ich die Beine auf den Hocker, lehnte mich im Sessel zurück und blätterte. Nach meiner Erzählung. Da war sie!

Ich las die erste Zeile. Die zweite und dritte Zeile, die vierte und fünfte Zeile. Am unteren Heftrand angekommen, vergewisserte ich mich des Namens über dieser Seite.

Es war meiner.

Ich wiegte das duftende Heft in meinen Händen und schaute woanders hin.

Irgendwohin.

Wo ich mein Leben vermutete.

Nach drei Tagen nahm ich das Heft behutsam wieder in die Hand, nunmehr vorbereitet, mich der Begegnung zu stellen.

Ich las die lange Erzählung, über der mein Name stand, ganz durch. Kein Anhaltspunkt. Mal ein bekannt anmutender Wortklang, zögernd, von jenseits des Horizonts, mal ein Rhythmus. Hier und da der Widerschein einer unbestimmten Szenerie, vage vertraut, im nächsten Moment wieder verblassend.

Wo war ich hingeraten?

Ich begann von vorn. Mit jeder Zeile erwartete ich nun dringend ein plötzliches Wiedererkennen, einen Lichtblitz, der mir die Szene erhellte. Nichts dergleichen. Ich las tapfer ins Ungewisse vorwärts.

Um mich zu beruhigen, versuchte ich mir vorzumachen: Ich lese, wie ein ganz normaler Leser eine unbekannte Prosa liest.

Das mißlang.

Zu stark, zu einnehmend, magnetisch war eine Strahlung aus einem Raum, den ich nicht betreten konnte.

Dieses Ungewisse war doch mein Leben oder mein Bewußtsein oder mein Ich von damals? Jetzt trat es mir mit einer Autorität entgegen, einem geradezu unverschämten Anspruch auf Eigenständigkeit. Als hatte ich dort nicht mehr reinzureden. Es hatte langst seine Reise durch Raum und Zeit angetreten, kühn und selbstbewußt.

Ohne mich.

Und da – durch dieses Objektivierte – identifizierte ich mich. Einzig über den Ton, den Sprachtakt, die Atmosphäre, über den Stil, die Welt wahrzunehmen. Also in der Welt zu sein.

Die Begegnung mit dieser auswärtigen anderen, die ich bin, sie hat mich getroffen aus einem Raum, der einen Moment durchlässig wurde.

Sie hat tiefen SINN und unfaßbare FORM.

Nach weiteren Tagen, dieses Heft, mein papierenes kosmisches Kleinod, immer in Sichtweite, kam ich zu dem Schluß:

Es gibt etwas, das unter meinem Namen in der Welt ist.

Das kann man freilich von vielem sagen, was wir verfassen.

Allerdings nie, ohne mit Gewißheit rufen zu können:

Ich war das!

Hier bin ich; es gibt mich wirklich.

Wirklich?

Diese selbstgewisse Beteuerung Ich bin das war mir einmal kurz genommen worden – mitsamt meiner Wenigkeit, meiner Wirklichkeit.

Wo ist sie hin? Kann ich sie durch ein Fernrohr sehen? Kann ich ihr über die Datenbahnen von CERN folgen?

Seitdem sind Monate vergangen.

Was ich als mein Leben wahrnehme, dieses Mobile, in dem ich tagein, tagaus artistische Übungen – genannt Erfahrungen – absolviere, hat sich geweitet.

Um eine ganze Dimension:

Es gibt noch jemanden da draußen, im Unwirklichkeitsraum, unter meinem Namen.

Ich bin nicht allein.

 

SINN UND FORM 3/2026, S. 427-428