[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-90-4
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Leseprobe aus Heft 4/2026
Timm, Uwe
Zwei Ärzte, zwei Schriftsteller und das Probelm der Schizophrenie.
Ernst Augustin und Heinar Kipphardt
Anfang der neunziger Jahre habe ich in einer Grabbelkiste vor einer Buchhandlung in Frankfurt den Roman »Raumlicht. Der Fall Evelyne B.« gefunden, 1976, signiert, aber ohne Schutzumschlag, darum mit fünf Mark ausgepreist, sorgsam gelesen – was an dem leicht schiefen Buchschnitt zu sehen war. Das Buch lag zwischen all den anderen Büchern da, als habe es auf mich gewartet. Ich habe es gekauft und am nächsten Tag auf der Rückfahrt nach München zu lesen begonnen. Ich las – draußen zogen die Lichter der Städte und Dörfer vorbei –, wie das erzählende Ich, ein Arzt und Psychiater, die angekündigte Patientin Evelyne B. erwartet, ich las und war gefangen. Allein dieser Anfang: »Es gehört zu meinem Plan, daß ich nicht auffalle, oder doch kaum. Ich wohne in einem bürgerlichen Stadtteil Münchens, wo die Leute auf der Straße zum nahegelegenen Nymphenburger Kanal wandern, Handwerksmeister, Beamte, wenig Ausländer.«
Es paßte, im Zug lesend, zu meiner Stimmung, ich war nach fast zehn Jahren wieder nach München zurückgekehrt und war jetzt offen für den Roman: »Und hinter diesem Fenster schreibe ich die Bücher, die ursprünglich immer den einen Titel tragen sollten: die Entdeckung der Schizophrenie, während ich dann aber doch davon Abstand nehme, da ich die Reaktion der Fachwelt voraussehe, die dann schließlich ohnehin eintritt. Welches voraussetzt, daß die Schizophrenie bis dahin noch nicht entdeckt ist.«
Auch Bücher und Leser haben ihren Kairos. Das Merkwürdige war, ich hatte den Roman vor fast zwanzig Jahren schon einmal angefangen zu lesen, ihn aber bald wieder beiseite gelegt. Das Exemplar ging bei den folgenden Umzügen verloren. Was mich damals gestört hatte, war vermutlich das erzählende Ich des Arztes, das sich sehr in den Vordergrund schiebt, sich ironisch kommentierend einschaltet: »Aber liebe gnädige Frau, versichere ich sie, genau das ist beabsichtigt. In meiner flotten Art.« Etwas Selbstgefälliges lag in diesem Ton, ein gewisser Unernst, eine fehlende Empörung, auf das gerichtet, was seinen Patienten doch Schmerz und Verzweiflung war. Der Autor und Arzt Ernst Augustin schien sich, das war mein damaliger Eindruck, gemütlich in der Situation eingerichtet zu haben. Tatsächlich aber bilden diese zwei Sätze eine knappe, zusammenfassende Selbstauskunft. Das Interesse dieses Arztes (Psychiaters) und Schriftstellers galt der Wirklichkeit und dem Wahn, Gesundheit und Krankheit, Phantasie und Realität, Normalität und Schizophrenie. Daraus hervorgehend ein Schreiben, das in der Tradition E. T. A. Hoffmanns steht.
Was mir damals gekünstelt erschien, erwies sich beim zweiten Lesen als ein ironisch gefaßtes, sich durch den Roman ziehendes Motiv des Selbstzweifels, er schreibt, schreibt nicht, nimmt Abstand und schreibt dann doch, eine kleine, gefinkelte Reflexion über das Schreiben. Auch der subjektive Gestus des erzählenden Autors, der sich selbst kommentiert, zeigt ein durchgehendes Mißtrauen gegen die Wahrnehmung. Ein Schreiben, das nicht wissenschaftlich-analytisch ist, sondern diese schwindelerregenden Widersprüche, Wahn und Wirklichkeit, Phantasie und Realität, Normalität und Schizophrenie in die Sprache bringt und diese thematisiert – ja, man muß weiterlesen –, ein sich selbst durchdringendes Erzählen, ein tiefgründiges Spiel mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung, Innen und Außen als Grundmotiv den Roman durchziehend, von der Frage begleitet, was denn das Verhältnis von Innen und Außen sei: Wie ist diese dünne Eierschale der Wirklichkeit beschaffen?
Daß ich die Lektüre von »Raumlicht. Der Fall Evelyne B.« zunächst abbrach, hat mit einem anderen Roman zu tun, der auch 1976 erschienen war, »März« von Heinar Kipphardt. An der Entstehung dieses vom Leben des schizophrenen Dichters März und seines ihn behandelnden Arztes Kofler erzählenden Romans war ich als Lektor beteiligt. Das klingt etwas vollmundig – das Manuskript war annähernd perfekt. Die Veröffentlichung des Romans in der AutorenEdition war jedoch schon zweimal verschoben worden, weil Kipphardt immer wieder kleine Änderungen vornahm, Textstücke umstellte oder verschob und das Manuskript nicht als vollendet ansah. Ich habe von ihm, diesem skrupulös Schreibenden, das muß gesagt sein, mehr gelernt, als ich an Verbesserungsvorschlägen hatte einbringen können. In den bis in die Nacht sich hineinziehenden Diskussionen – Kipphardt war Nachtarbeiter, mir fallen um Mitternacht die Augen zu – ging es meist um die Anordnung von Textteilen, um bestimmte Sätze, Worte, über die Kipphardt nochmals reden wollte. Die Lektoratsgespräche dienten eher der Selbstvergewisserung des Autors. Er brauchte den Gesprächspartner, wollte Gegenargumente hören, fragte mich, vor allem sich selbst, am rotblonden Schnurrbartende kauend: »Ist das nicht zu glatt? Muß das nicht noch aufgerauht werden? Müßte das nicht härter gegengeschnitten werden?« Fragen, die viel über seine Schreibhaltung verraten und in meiner Erinnerung noch so klingen, wie sie ausgesprochen wurden, zweifelnd. Die Welt war nicht einfach, die Menschen nicht, der Stoff nicht und auch das Schreiben nicht. Das wurde nie ausdrücklich gesagt, aber gab den Fragen ihr Gewicht. Das Schreiben war eine Last. Immer wieder wurden kleinere Abschnitte hin- und hergeschoben, umgebaut, was hin und wieder auch mit der Schere erledigt wurde. Diese Arbeitsweise zeigt die Methode seines Schreibens, eine subtile Montagetechnik. Kipphardt hatte mir die Aufsätze von Sergei Michailowitsch Tretjakow empfohlen und dessen von John Heartfield illustriertes Buch »Den Schi-Chua. Ein junger Chinese erzählt sein Leben« geliehen. Kein phantastisch-fiktionales Erzählen war gefragt, sondern die Sprache sollte zur Wirklichkeit kommen. Dieser futuristisch-revolutionäre Autor war am 10. September 1937 vom NKWD wegen angeblicher Spionage für Japan erschossen worden. Das war die fiktionale, nein, die wahnhafte Wirklichkeit der stalinistischen Säuberungen.
Ganz wichtig war Kipphardt die Frage, wo man etwas kürzen könne. Er schwärmte, obwohl er, was man ihm ansah, gut essen und trinken mochte, von schlanken Texten. Vielleicht hätte ich aus heutiger Sicht, den Roman jetzt nach fast fünfzig Jahren abermals lesend, doch noch auf die eine oder andere Kürzung drängen sollen – wobei Drängen nicht nötig war, Kipphardt kürzte, wie gesagt, gern. Der Eindruck von Wiederholung entsteht wohl daher, daß einiges, was damals neu und überraschend über die Krankheit Schizophrenie gesagt wurde, inzwischen bekannt ist, wozu der Roman »März« wesentlich beigetragen hat. Der junge Lektor, ich, war von dieser distanziert-kühlen Methode Kipphardts gefangen. Hinzu kam dessen beeindruckende, erfahrungsgesättigte Präsenz, sein Erzählen wurde von dem kritischen Blick auf die deutsche Geschichte bestimmt, die er im Krieg und im Nachkrieg, in beiden Teilen Deutschlands, in der BRD und in der DDR, miterlebt und erlitten hatte. Er hatte mit Bertolt Brecht und Hanns Eisler diskutiert, war mit Ernst Busch, Wieland Herzfelde, John Heartfield befreundet gewesen, auch mit Peter Hacks, mit dem er sich später über die Ausbürgerung Wolf Biermanns, die Hacks befürwortete, zerstritt.
Heinar Kipphardt, Jahrgang 1922, war als Soldat an der Ostfront eingesetzt worden, hatte in der Kriegszeit Medizin studiert, wurde wieder eingezogen, desertierte 1945, studierte in Düsseldorf Medizin, promovierte, zog, nachdem er die Wiedereinstellung von Nazis in den bundesdeutschen Institutionen erlebte – Euthanasieärzte lehrten wieder an Universitäten –, 1949 nach Ost-Berlin, arbeitete als Assistenzarzt an der Charité, wurde Dramaturg am Deutschen Theater, wo seine frühen Theaterstücke gespielt wurden. Er trat 1953 in die SED ein, aus der er als Linksabweichler (linkssektiererische Tendenzen) 1959 ausgeschlossen wurde, ging zurück in die Bundesrepublik. Hier schrieb er seine dokumentarischen Theaterstücke »In der Sache J. Robert Oppenheimer«, »Joel Brand« und »Bruder Eichmann«, die auch international erfolgreich waren. Seine Wut, ja, eine körperliche Wut über die friedlose, Unrecht, Krankheit und Gewalt produzierende kapitalistische Gesellschaft war mit einer profunden Kenntnis der politischen Ökonomie verbunden. Zwar sah er nicht in ihr die Ursache – die war ungeklärt – der Schizophrenie, aber doch einen direkten Einfluß auf den Umgang mit den Kranken, deren unwürdiges Wegsperren, deren Behandlung mit Elektroschocks und Psychopharmaka.
Jahrelang hatte er sich mit dem März-Stoff beschäftigt, dem die reale, von dem Psychiater Leo Navratil beschriebene Geschichte des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck zugrunde lag (der sich selbst als Dichter den Namen Alexander Herbrich gab). Von Herbeck / Herbrich sind einige Gedichte in den Roman aufgenommen worden. Zunächst hatte Kipphardt den Stoff als Drehbuch für einen Fernsehfilm (unter dem gleichen Titel »März«) ausgearbeitet, danach zum Roman erweitert. Hinter der konventionellen Gattungsbezeichnung verbirgt sich jedoch eine neue ästhetische Form, eine literarische Diagnostik, ein multiperspektivischer Textkorpus, in dem fiktives und authentisches Material versammelt sind. (...)
SINN UND FORM 4/2026, S. 458-476, hier S. 458-461