[€ 14,00] ISBN 978-3-943297-92-8
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Leseprobe aus Heft 6/2026
Gericke, Henryk
Der Raum ist aus den Fugen
Es war im Wonnemonat November. Das Wetter herrschte, ein klammer Wind ging mit Stakkato durch die Bäume und ihre Äste winkten ergeben einer höheren Macht. Sie schien sich in den Himmelsfresken vorüberziehender Wolkenmassen selbst zu verherrlichen – allerdings zu einer Berliner Palette verrührt, zu jenem bunten Strauß an Grau, welcher der Stadt einen Stempel zu ihrem Nachteil aufdrückte, ihrer Aura jedoch durchaus ein Gütesiegel verlieh. So war die Atmosphäre.
Die einsetzende Dämmerung tat naturgemäß das ihre, dennoch würde auch der kommende Tag Mühe haben, sein Profil zu schärfen. Nach und nach flammten nun die Lichterketten unzähliger Fensterhöhlen auf. Sie mochten die Schutzbefohlenen der Häuser in Sicherheit wiegen; und auch Jurek schaute zu dieser Stunde von innen nach außen, im Rücken einen Laden voller Bücher, der ihn wie ein Pelz umgab. Dieser Mantel, dessen Kern Jurek war, konnte freilich schon seit längerem nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß seine Sicherheit sich als eine trügerische offenbarte. Rechnerisch richtig ergaben die schwindenden Einnahmen jeden Monat das falsche Ergebnis, schwarz auf weiß legten ihm die roten Zahlen nahe, einen Schlußstrich unter die traurige Rechnung zu ziehen. Dennoch verschleppte der Inhaber des Antiquariats Quartal um Quartal, Jahr um Jahr die Schließung – er sah sich außerstande, einen letzten Tag zu bestimmen.
Das Geschäft hatte sich nie als Goldgrube erwiesen, höchstens in den Jahren des Aufbruchs als eine halbwegs ergiebige Silbermine. Doch die Zeiten ändern sich, wie man weiß … und es hatte Jurek zunehmend ermüdet, im Geiste oder vor der Einzahl gelegentlicher Kunden die ewig gleichen Notgesänge anzustimmen, als da wären: der leidige Niedergang seines Bezirks zu einem hochpreisigen Binnenraum, der prinzipiell zu beklagende Verfall der Kultur und überhaupt die Widrigkeiten im allgemeinen.
Die Widrigkeit des Wetters genügte ihm vollkommen zur Illustration unerquicklicher Zeiten. Der letzte Tag war gekommen. Über der Fensterfront seines Antiquariats stand in schwarzen, metallenen Lettern der sinnige Name SPRACHRAUM zu lesen. Ein gedungener Handwerker sollte Wochen später von einem neuen, noch schwungvollen Ladeninhaber den Auftrag erhalten, sie von der Fassade zu nehmen. Zunächst machte er sich mit Hammer und Meißel ans Werk. Sein Tatendrang wurde jedoch schnell gezügelt, gleich der erste Hieb des Hammers ging ins Leere, der Meißel fand keinen Widerstand. Es zeigte sich, daß die Lettern im Mauerwerk nicht fest verankert waren, wie angenommen, sondern lediglich auf den Putz geleimt. Auch waren sie, entgegen ihrer massiven Wirkung, ganz und gar nicht aus Metall gemacht. Bei näherer Prüfung stellte sich heraus, lackierter Schaumstoff verlieh dem Geschäft über Jahre hinweg einen Anstrich von Solidität. Wenigstens diese Illusion hatte den schwersten Tiefdruckgebieten standgehalten, den atmosphärischen wie den finanziellen, und damit der Bloßstellung eines gewichtigen Namens auf bröckelndem Grund. Um den Namen zu löschen, genügte es, ihn Buchstabe für Buchstabe von der Fassade zu pflücken, gleich überreifen Früchten, die nicht fallen wollten, sondern am Stamm verfaulten.
Noch aber prangte der Schriftzug hoheitsvoll über dem Schaufenster. Hinter der von einer wäßrigen Luft angelaufenen Scheibe stand die manieristische Silhouette Jureks im Diorama des Sprachraums, zur Anschauung der wenigen Passanten. Hätten diese Passanten dem Wetter getrotzt, so wäre möglicherweise ein von allen Seiten leidenschaftlich geführter Streit darüber entbrannt, wie nun diese verzerrte Erscheinung kunstgeschichtlich einzuordnen sei: ob tatsächlich als manieristisch? Oder nicht doch als expressionistisch! Da die Passanten jedoch witterungsbedingt keine Flaneure waren, entfiel diese zum Nachdenken anregende Debatte.
Festzustellen blieb, diese Passanten angesichts des ruppigen Wetters potentielle Kunden zu nennen, mußte an Schönfärberei grenzen. Alles in allem war das Ausbleiben von Kundschaft mit jedem Wetter zu begründen, und sei es mit seiner Sonnenseite. Nun gesellten sich zum Sturm auch heftigste Schauer. Sie schlugen nach den Menschen wie ein schweres Segel, das außer Kontrolle geraten war. Wer noch durch die Straßen hastete, suchte Schutz unter einem Dach zu finden. Nur eben nicht Schutz unter dem bergenden Flügel der Literatur, dachte Jurek, die Situation nicht unbedingt im Kern erfassend. Wobei natürlich nicht Flügel, dafür aber Schwinge der paßgenauere Ausdruck wäre, sinnierte er weiter. Lyrische Übersteuerungen wie diese machten es ihm an anderen Tagen möglich, den trüben Aussichten eine heroische Nuance abzugewinnen. Das gelang ihm ausgezeichnet durch einen hohen Ton, welcher angesichts der Prosaik der Umstände keinesfalls gerechtfertigt sein durfte. Heute verfing diese Methode zur demonstrativen Beschönigung unliebsamer Tatsachen allerdings nicht. Unentschlossen wandte er sich daher vom Ausblick des verweinten Fensters ab und richtete seine Anteilnahme nach innen, auf das langsame Herunterbrennen seines Ladens. Hier, im beschirmenden, ja im geradezu bronzefarbenen Schein mehrerer Lichtquellen, stand eine Phalanx überladener Regale. Er schaute, plötzlich von dieser vertrauten Szene gebannt, auf Tausende von Büchern und von dort in die höhergelegenen Regionen des Sprachraums, wo über dem gedrängten Sortiment Bild an Bild hing. Eine Weile von unbestimmter Dauer blieb er in die Betrachtung dieses schützenden Raumes versunken: Gut, das hier mag ein Antiquariat sein. Weitaus näher an der Realität wäre es, sich einzugestehen, daß dies hier ein Gnadenhof für ungelesene Bücher war.
Das Ergebnis dieser stummen Einsicht gipfelte schließlich in einer kurzen Abfolge von Gedanken: Da ist nichts mehr zu machen, es ist vorbei, der Raum segnet das Zeitliche. Er spürte es an einem Druck im Hals, diesem Gefühl einer leichten Quetschung vom Gaumen bis in die Kehle; vergleichbar jenem würgenden Schmerz, wenn ein innigst geliebter Mensch, obschon noch am Leben, bereits mit geschlossenen Augen am Hinübergleiten ist. Die Bücherwände schwiegen ihn eisig an, gefrorene Wortkaskaden. Kein betriebsames Rauschen, auch an diesem Tag hatte sich nicht ein einziger Kunde in seinem Laden verfangen. Diese Reuse war seit ihrer Aufstellung gegen die Strömung ausgelegt und somit gegen jede Wahrscheinlichkeit. Das lag weniger in der Natur des Geschäfts, andere Buchläden im Bezirk hatten ganz bestimmt ihr Auskommen, als am Charakter seines Programms. Man hätte es selektiv nennen können, angemessener wäre es – Jurek gestand sich dies mit einer kaum zu leugnenden Genugtuung ein –, dem Sprachraum eine gewisse Unzugänglichkeit zu bescheinigen. Dem Herrn Programmdirektor lag wenig daran, Bücher mit der Haltbarkeit von Salatköpfen zu verkaufen, auch nicht an verramschten Neuerscheinungen, welche ihr Verfallsdatum nach ein paar Wochen überschritten hatten und daraufhin mit dem zweideutigen Vermerk »Mängelexemplar « verschleudert wurden. In der Tat, sein Sortiment stellte die Frage nach dem Geschmack. Ob dieser zugänglich für andere war, das schien zuletzt der Mehrheit derer, welche über die Schwelle kamen, eher strittig. Was ihn selbst mit sich riß, was ihm Trost war, das legten die Besucher schweigend aus der Hand, sofern sie es überhaupt zur Hand nahmen.
(…)
SINN UND FORM 6/2026, S. 725-733, hier S. 725-727