Background Image

Heftarchiv – Leseproben

Screenshot

[€ 14,00]  ISBN 978-3-943297-92-8
Kostenlose Lieferung:
innerhalb Deutschlands ab 20 €,
ins Ausland ab 30 € Bestellwert.

Printausgabe bestellen

[€ 14,00]

PDF-Ausgabe kaufenPDF-Download für Abonnenten

Sie haben noch kein digitales Abo abgeschlossen?
Mit einem digitalen Abo erhalten Sie Zugriff auf das PDF-Download-Archiv aller Ausgaben von 1949 bis 1991 und von 2019 bis heute.
Digital-Abo • 54 €/Jahr
Mit einem gültigen Print-Abo:
Digital-Zusatzabo • 12 €/Jahr

Leseprobe aus Heft 6/2026

Baßler, Moritz

Verhaltenslehrer der Wärme.
Nachruf auf Helmut Lethen


An seinem sechzigsten Geburtstag, am 14. Januar 1999, hielt Helmut Lethen in Rostock eine kleine Rede, in der er bekannte, zum Dogmatiker geboren zu sein. Immer habe er ganz genau gewußt, was richtig und falsch sei. Allerdings habe er auch ein schlechtes Gedächtnis, und so sei ihm stets nach einiger Zeit allmählich wieder entfallen, warum dies und jenes eigentlich so unumstößlich gelten sollte. In der Folge lösten sich die Dogmen auf und der Literatur- und Kulturwissenschaftler wurde wieder offen für Neues. Fundieren ließe sich dies durch eines seiner Lieblingszitate von Helmut Plessner, das sich bereits in den »Verhaltenslehren der Kälte« (1994) findet, Lethens Hauptwerk: »Von Überwölbungen ist nichts zu erwarten, außer, daß sie einstürzen.«
Als einer der führenden Köpfe der 68er-Bewegung hatte der bekannte Linke in der alten Bundesrepublik keine Professur bekommen und war 1977 einem Ruf nach Utrecht gefolgt. Seine einstige Dogmatik ist anekdotisch an seiner Weigerung abzulesen, sich mit Heinrich von Kleist abzugeben, schließlich sei der ein Junker gewesen. Nachträglich tief bedauert hat er seine Beteiligung am Überfall auf Peter Szondis Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin im Januar 1969, um dessen »›Elfenbeinturm‹ zu schleifen«. Die Verknöcherungsphase des studentischen Aufbruchs in den K-Gruppen der frühen Siebziger sah er rückblickend als verlorene Zeit an: »Die Menschen wurden«, wie es in seiner Autobiographie »Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau
genug« (2020) heißt, im Lichte der marxistischen Theorien zu »Schatten ihrer Vorstellung von der Änderbarkeit der Gesellschaft«. Bezeichnenderweise wurde Lethen schließlich wegen »Versöhnlertums« aus seiner maoistischen K-Gruppe ausgeschlossen.
Als Helmut Lethen 1996 seine Professur für Neueste deutsche Literatur an der Universität Rostock antrat, war gerade eine der größten Überwölbungen des 20. Jahrhunderts eingestürzt – der Sozialismus sowjetischer Prägung. Seine eigene revolutionäre Agenda war damals längst von der Ideologie in die universitäre Praxis gewandert, in seinen Umgang mit Texten und Menschen. Lethen verkörperte in Rostock das Gegenteil jener »Professorendarsteller«, über die er sich lustig machte. Statt dessen versammelte er alle um sich, die er interessant fand, von Studierenden im Grundstudium bis hin zum geschätzten, obwohl von Grund auf anders gearteten Ost-Kollegen Prof. Dr. Heinz-Jürgen Staszak, um mit ihnen zu arbeiten, zu forschen, zu diskutieren und zu streiten, immer von gleich zu gleich – »sich verbinden, um korrigiert zu werden«, wie Karin Harrasser treffend formuliert. Aber nicht nur das: Lethen verfügte, wie er einmal Michail Bachtin zitiert, »über die besondere Fähigkeit, alles zu relativieren, was die Menschen trennt und dem Leben einen falschen Ernst gibt«. Durch die Ansprachen und Gespräche auf der Wiener Trauerfeier im August 2026 zog sich als roter Faden, wie dieses genuine Interesse, das er für die Menschen um sich herum aufbrachte, von allen, man kann es nicht anders sagen, als Glück empfunden wurde. Selbst dort, wo er kein Experte war, konnte er durch seine neugierige Offenheit Ideen, Texte und Projekte besser machen; und auch im Privaten fühlte man sich geschätzt. Nicht zuletzt war auch er selbst dort am besten, wo er geliebt wurde; das Agonale lag ihm in seiner späteren Zeit nicht mehr. Diese Haltung war ideal für die Leitung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien, dessen Direktor er nach seiner Emeritierung wurde (2007–16); sie hatte ihm, aus dem Westen kommend, aber auch geholfen, an einer ostdeutschen Universität Fuß zu fassen.

Ließ Lethen sich dabei von Handlungsmaximen leiten, wie er sie wissenschaftlich untersucht hatte, von Graciáns »Handorakel« bis zur kalten, gepanzerten Persona in der Weimarer Republik? In der Tat gab er mir, als ich 1999 sein Assistent in Rostock wurde, klare Richtlinien an die Hand für die »Gesellschaft gekränkter Männer«, in die ich nun eintreten würde: Jedem die Hand geben etwa, immer in die Augen schauen, zuhören – geradezu körperliche Anweisungen, an die ich mich streng gehalten habe. Doch waren das eben keine Verhaltenslehren der Kälte, sondern das Gegenteil: Es waren Verhaltenslehren der Wärme, sie zielten nicht auf Strategie, Verstellung und Panzerung, sondern auf Respekt, Anerkennung und Zugänglichkeit; sie waren nicht überheblich, sondern trieben einem die strukturelle Überheblichkeit aus, mit der man als Westler in den Osten kam.
In diesem Geiste war es für Lethen auch selbstverständlich, daß er nach seiner Berufung nach Rostock zog und seine Professur nicht etwa von Berlin aus bespielte. Seine fächer- und semesterübergreifende Ringvorlesung »Orientierung in der Moderne« brachte die wichtigsten Intellektuellen, seine Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Kuhtor die interessantesten Autoren und Autorinnen in die Stadt. Unvergeßlich die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Walter Kempowski, die Lethen mit betrieben hatte (2002), oder eine Veranstaltung zu Bertolt Brechts hundertstem Geburtstag in der Neptunhalle, die dessen Texte mit einer Aufführung der Rostocker Turmspringer verknüpfte. Ihr gilt übrigens Lethens vermutlich letzter zu Lebzeiten publizierter Text, »Waschrituale in der Neptunschwimmhalle, Rostock 1998«, bezeichnenderweise in der Rostocker Literaturzeitschrift RISSE. (Ein Manuskript zu Fragen der Physiognomik liegt noch beim Verlag und wird posthum erscheinen.) Auf einem Symposion, das 2023 zu seinen Ehren in Rostock stattfand (»Irgendwas mit Leitmotiven«), war noch einmal zu spüren, was für eine wichtige Ära die Lethen-Jahre (1996–2006) für Universität und Stadt gewesen sind.
Werkbiographisch galt die Rostocker Zeit der Arbeit am zweiten Buch (wenn man die Dissertation von 1970 zum »Weißen Sozialismus« mal beiseite läßt). »Der Sound der Väter«, ein Buch über Gottfried Benn, erschien schließlich 2006, wie alle folgenden Werke Lethens bei Rowohlt Berlin. Obwohl es vielleicht sein germanistischstes Buch ist, hatte er mit ihm endgültig seinen Stil gefunden: einen quellengesättigten Essayismus, der sich jederzeit idiosynkratische Assoziationen und starke Thesen erlaubt, um unerwartete Verbindungen und Evidenzen zu schaffen. Texte interessierten ihn weniger in ästhetischer oder gar philologischer Hinsicht denn als Testfälle eines historischen Habitus.
Ein zweites seiner Lieblingszitate stammt aus Büchners Revolutionsdrama »Dantons Tod«: »Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.« Um diesen Auftrag kulturwissenschaftlich zu erfüllen, muß man nicht nur die Verkörperungen kennen, sondern auch die Phrasen. In diesem Spannungsfeld von öffentlicher Rede und Handeln, von Werk und Biographie, blieb Lethen immer fasziniert von den absoluten Dogmatikern von rechts wie links, von Figuren wie Ernst Jünger, Carl Schmitt, den NS-Staatsräten oder dem Brecht der »Maßnahme«. Sein Buch über die Rezeption einer solchen Gestalt aus der Weltliteratur, »Der Sommer des Großinquisitors« (2022), läßt sich als Versuch lesen, diese »Faszination des monotheistisch Bösen, die sich an politische, militärische oder religiöse Gehäuse klammert«, zu bannen, und dies zu einer Zeit, da sich Caroline Sommerfeld, seine zweite Frau, in Wien öffentlichkeitswirksam im Sinne einer identitären Rechten radikalisiert hatte. Daß er ihr und der Familie die Treue hielt, ist zu respektieren. Ob es klug war, dem Medieninteresse an dieser Verbindung nachzugeben, etwa indem er sich in der New York Times Rücken an Rücken mit seiner Frau abbilden ließ (Titel: A Very German Love Story), steht auf einem anderen Blatt, suggeriert es doch Symmetrien, die es so nicht gegeben hat.
Ein Forschungsfokus der Wiener Zeit lag auf der Fotografie. Am IFK etablierte er den Schwerpunkt »Kulturen der Evidenz«; für sein Buch »Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit« bekam er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. Wer sich mit dem materiellen wie gedanklichen Reichtum und der intellektuellen Leichtigkeit von Helmut Lethens Denken vertraut machen möchte, dem sei als Einstieg sein bislang letztes Buch empfohlen: »Stoische Gangarten« (2025) versammelt noch einmal die großen Themen seines Lebens. Walter Benjamin kommt vor, den er als Student gegen Adorno verteidigt hatte, Büchner und Benn, Plessner und Jünger, es gibt ein schönes Kapitel zu den Fotografien August Sanders und ein überaus lesenswertes zur Nachkriegszeit, alles eingebettet in autobiographische Zusammenhänge und Momentaufnahmen unserer Gegenwart.
In Helmut Lethens Werk zeigt sich ein beweglicher Geist von höchster Originalität, ein wissenschaftlicher und intellektueller Stil, der dem Universitätsbetrieb unserer Gegenwart fremd ist (»Ein Drittmittelantrag hätte so nie entstehen können«, schreibt Lethen über seine Arbeit an den »Verhaltenslehren«). In persona können wir von seiner warmherzigen und undogmatischen Persönlichkeit seit dem 13. August 2026 nicht mehr profitieren, mit seinen Schriften jedoch läßt sich weiterdenken – um mit dem Motto des Großinquisitorbuchs zu schließen: »Mit dem Polytheismus der Einbildungskraft gegen den Monotheismus der Macht.«

SINN UND FORM 6/2026, S. 852-854